World Games 2013 in Kolumbien: Punktlandung für Andreas Schubert auf Rang 5

Der Rhöner Pilot und Flugschulleiter Andreas Schubert landete bei den World Games in Kolumbien auf Platz 5 und verpasste nur knapp die Medaillenchance für Deutschland.

Cali/Wasserkuppe. Die World Games sind das größte Sportevent nach den Olympischen Spielen und der Fußballweltmeisterschaft. Bei der Disziplin "Accuracy Paragliding" geht es darum, mit dem Gleitschirm möglichst genau auf einem nur 2cm großen Punkt zu landen. Wer nach den Wertungsdurchgängen und nach Streichung des schlechtesten Ergebnisses die wenigste Gesamt-Abweichung hat, gewinnt den Wettkampf.

Mehr als 3300 Athleten aus der ganzen Welt waren in die kolumbianische Millionenstadt Cali eingeladen, um in 31 Sportarten gegeneinander anzutreten. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte 140 Athleten und etwa genauso viele Betreuer, Trainer und Juroren nach Kolumbien geschickt.

Andreas Schubert war von der Weltluftsportvereinigung FAI, dem CLOC und dem Deutschen Olympischen Sportbund eingeladen worden, um in der Disziplin "Gleitschirm-Präzisionslanden" für Deutschland zu starten.

Viva Cali, viva Colombia!

Während der Veranstaltung vom 25. Juli bis 4. August bemühte man sich in Cali, das Image von der gefährlichen Kolumbianischen Stadt aufzupolieren. Cali hatte durch eines der größten Drogenkartelle weltweit traurige Bekanntheit erlangt.

So wunderte schon der erste Eindruck bei der Einreise nicht: Hunderte Polizisten gestalteten einen überaus imposanten Empfang. Die Fahrten, die Unterkünfte und die Sportstätten waren mit einem 2500 Mann starken Polizeiaufgebot gut gesichert.

So konnten die Wettkämpfer trotz der umfangreichen Reisewarnungen eine sichere und vor allem auch abwechslungsreiche Zeit in Südamerika erleben: Cali hatte aus den World Games ein 15 Tage dauerndes Fest gestaltet. Viva Cali, viva Columbia!

Zwischendurch bleibt auch noch Zeit, die anderen Teilnehmer kennenzulernen. Einer von ihnen ist Fluglehrer Andy Shaw aus Großbritannien, der seine beiden Söhne mitgebracht hat.

Andy ist Gleitschirmpilot seit 1979. Seit dieser Zeit nimmt er an Accuracy-Wettbewerben teil. 1968 flog er zum ersten Mal am Fallschirm seines Vaters, der Fallschirmlehrer bei der britischen Luftwaffe war.
Andy verdient seinen Lebensunterhalt als Fluglehrer. Seine Landetechnik ist beeindruckend genau.

Herzschlagfinale bei den Punktlandern

Zu den Paragliding-Accuracy-Titelkämpfen hatten sich 30 Punktlandespezialistinnen und Spezialisten aus 15 Nationen eingefunden. Auf der Marco Fidel Suarez Airbase wurden die Piloten mit einer Seilwinde in die Luft geschleppt, um anschließend die flach auf dem Boden liegende Zielscheibe direkt vor der Publikumstribüne anzufliegen.

Nach drei Tagen und fünf Wertungsdurchgängen begann kurz vor der Siegerehrung ein wahrhaftes Herzschlagfinale in umgekehrter Reihenfolge der Platzierungen.

Andreas schildert den Entscheidungstag:

"Es ist Sonntag, 4. August 2013. Das Paraglidingfinale gehört zu den letzten Entscheidungen der World Games. 7 Uhr. Der Bus fährt mit Polizei-Eskorte durch Cali zur Militärbasis, vier weitere Polizisten fahren im Bus mit. Um 9 uhr beginnt das Pilotenbriefing. Die Zuschauerränge haben sich gefüllt. Salsa und Techno wechseln sich ab. Das englisch - spanische Moderatorenteam erklärt den Zuschauern die Regeln der Airgames.

Bei uns Athleten steigt der Adrenalinspiegel merklich. Dann beginnt das Finale. Der Druck ist enorm. Der letzte Durchgang entscheidet über Medallien. Es geht um wenige Zentimeter. Die Schleppwinden sind fertig. Die vielen Volunteers helfen beim Auslegen der Gleitschirme mit.

Dann geht alles ganz schnell - Start! Durchatmen. Damit die Startfreigabe auch ganz sicher ankommt, wird der Funkspruch auch mit einer großen zuschauerwirksamen Signalscheibe uebertragen. Schirm Aufziehen, Starten und Abheben sind Routine. 

Die Schlepp-Phase nutze ich zur Konzentration: Wie ist der Wind? In acht Landungen hatte ich nur einmal denselben Endanflug. Durch die Thermik ist es turbulent in der Luft, was es für alle schwierig macht. Dann kommt wieder das Adrenalin. Vom Boden höre ich die Stimme der Moderatorin meinen Namen sagen - und "Allemania". Der Druck ist enorm. Die über 1000 gut gelaunten, überwiegend Lateinamerikanischen Zuschauer fühlen mit.

Vor mir ist Dusan genau im Centertarget, dem Mittelpunkt der Scheibe gelandet und erntet dafür einen tosenden Applaus. "Viva Espania! Viva Cali!" ertönt es aus den Lautsprechern. Der kanadische Moderator heizt die Zuschauer an. Ich gehe in den finalen Endanflug, nähere mich von schräg hinten der Tribüne. Es wird ruhig. "Ladies and gentleman, quiet please! Final approach Germany!"

Ich bleibe ruhig und korrigiere nur noch ganz leicht. Das Landfeld ist 100 Quadratmeter groß. Jeder Zentimeter Abstand vom Zentrum der Scheibe führt zu Punktabzug. Das Ziel, der Touchpoint wird für das Publikum auf Bildschirm übertragen. Vier Schiedsrichter warten unmittelbar neben dem Landpunkt auf die Piloten. Noch 10m Abstand. In den letzten drei Sekunden vor der Landung wird es vollkommen still. Touch. Auf der Digitalanzeige erscheint meine Abweichung: "000".

Von der Tribüne sind Applaus und ein ein anerkennendes "Ooooh!" sind zu hören: "Full points for Germany. Hit the Targetcenter, zero-zero". Ich reiße die Arme hoch und bedanke mich beim Publikum für die lautstarke Unterstützung.

Ich höre, dass Andrew Shaw für Großbritannien am Start ist. Er ist der Liebling des Sprechers und hat seine zwei Söhne dabei. Dann gehe ich zur Tribüne und erlebe die begeisterte Stimmung der Zuschauer aus nächster Nähe. Es werden Fotos gemacht. Fernsehkameras laufen. Alle Wettkampfteilnehmer, die schon vorher im Finale gestartet waren, gratulieren. Es gibt Umarmungen.

Und dann schauen wir wieder alle gespannt nach oben. Andy ist im Anflug. Etwas zu hoch. Er bremst seinen Gleitschirm Ascent2 stark an und verschlechtert so absichtlich das Gleiten seines Schirmes, um Höhe abzubauen. Dann gibt er die Bremsen wieder frei - allerdings den einen Bruchteil einer Sekunde zu früh. Andy kommt zu spät aus seiner Korrektur. Leicht angebremst wartet er mit dem Durchbremsen, um doch noch die letzten Zentimeter mitzunehmen. Er landet mit 16 Zentimeter Abweichung. Nach anfänglichem Beifall erkennen erkennen die Zuschauer schnell, dass der Pilot mit seiner Britischen Flagge am Bein einen Platz verloren hat und nicht ganz zufrieden ist.

Und dann gehts es weiter. Elisa, der Weltranglistendritte ist für Indonesien im Anflug. Landung. Diese Jungs fliegen in Bali fast jeden Tag und nehmen seit Jahren an jedem Punktlande-Weltcup teil. Aber auch er hat diesmal 16 Zentimeter Abweichung. Ich bin schon auf dem 7. Platz. Bis zum dritten landen alle daneben. Tanat, 16 Jahre alt und dritter Meister der Asienmeisterschaften, landet sogar ganze 220 Zentimeter zu kurz.

Was für ein Finale. Tränen und Jubel direkt beieinander. Dann wird es wieder still. Auch die Musik verstummt. Tomas Lednik aus Tschechien und der Slowene Matjaz Feraric sind im Anflug. Wer holt die Goldmedaille? Auch der so gesprächige Moderator senkt jetzt die Stimme. Konzetration. Und Stille. Vier - drei - Bremse... - zwei - eins.... "000" - Matjaz Feraric holt den letzten Titel, der ihm als Weltmeister, Europameister und mehrfacher Worldcupsieger noch gefehlt hatte. Minutenlange stehende Ovationen eines begeisterten Publikums. Dieser Moment geht allen unter die Haut, nicht nur mich rührt die Freude und die Euphorie zu Tränen.

Matjaz Feraric gewinnt

Seinen ersten nationalen Titel holte der 51jährige Feraric schon 1988. Im Jahr 2000 wird er in Großbritannien Weltmeister, 2003 gewinnt er die WM in Slowenien, 2007 in Litauen, 2008 die Europameisterschaft, den Worldcup 2008, 2010, 2011, 2012.

Ab heute reihen sich die World Games 2013 in die Sammlung seiner Erfolge ein. Klar kann er ganz offenbar etwas mehr als die anderen. Ich habs ja ausprobiert. Und konnte ihn auch nicht besiegen...

In meinen inzwischen zwanzig Jahren Wettkampferfahrung waren die World Games in Kolumbien der größte, beeindruckenste und schönste Wettbewerb, an dem ich bisher teilnehmen durfte. Bei der Accuracy-Weltmeisterschaft in zwei Wochen in Sarajevo kann ich leider aus terminlichen Gründen nicht mitfliegen, deshalb ist mein nächstes Wettkampfziel die Europameisterschaft 2014 in Serbien."